Die tödlichen Zahlen billiger Kleidung
Isabelle Braun

Die tödlichen Zahlen billiger Kleidung

Ein Paar bedeckt mit Staub und Schmutz. Es liegt unter Trümmern aus Stahl und Stein begraben. Blut läuft über das Gesicht des Mannes, wie eine Träne, an den geschlossenen Augen entlang. Er schlingt die Arme um sie, ihr Kopf ist unnatürlich nach hinten gedreht. Sie sind zwei von mehr als 1100 Menschen, die vor genau drei Jahren, am 24. April 2013, bei dem Einsturz eines Fabrikgebäudes in Bangladesch ums Leben kamen. Über 2000 weitere Näherinnen und Fabrikarbeiter wurden beim Einsturz der baufälligen Ruine schwer verletzt.

Aus diesem Grund wurde der weltweite Fashion Revolution Day ins Leben gerufen, eine Bewegung, um das Bewusstsein für soziale und ökologische Standards in der Textilindustrie zu schärfen.

Die tödlichen Zahlen billiger Kleidung

1. Jeder Deutsche kauft im Schnitt rund 60 neue Teile pro Jahr, nur etwa die Hälfte wird regelmäßig getragen und rund 15 Kilo Kleidung "verbraucht" der durchschnittliche Deutsche im Jahr - das heißt, diese Menge wird gekauft und wieder weggeworfen.

2. Preiskalkulation eines T-Shirts

Der Verkaufspreis sagt nichts über die Herstellungsweise und Herkunft der Stoffe aus - viele Luxuslabels produzieren genauso unfair wie Fast Fashion Filialisten. Umgekehrt kann man auch in Bangladesch fair und nachhaltig produzieren: Nur noch teure Kleidung zu kaufen, ist also nicht die Lösung. Aber fair und transparent kalkulierte Mode schon.

Fast Fashion

Verkaufspreis: 4,95 Euro

60 Cent für 400 g Baumwolle, die für die Herstellung eines durchschnittlichen T-Shirts benötigt wird

95 Cent kostet die Produktion von der Rohbaumwolle bis zum fertigen T-Shirt

6 Cent kostet der Transport eines T-Shirts

2,74 Euro berechnen Experten für Filialmiete, Gehälter der Angestellten, Steuer, Werbungskosten etc.

Gewinn: 60 Cent

Hess Natur

Verkaufspreis: 19,95 Euro

6,95 Herstellungskosten

9,54 Unternehmenskosten (Werbung, Ladenmiete etc)

3,19 Mehrwertssteuer

Gewinn: 27 Cent

Hess Natur schneidet regelmäßig mit Bestnoten in Untersuchungen zur Unternehmenstransparenz und Umweltverträglichkeit ab, daher habe ich das Beispiel gewählt. Man munkelt übrigens, dass demnächst ein Berliner Jungdesigner bei Hess Natur am Werk sein wird.

3. Zu geizig für Biobaumwolle? Laut WHO ( Weltgesundheitsorganisation) sterben jährlich etwa 28.000 Menschen durch Pestizide im Baumwollanbau. Für kein anderes landwirtschaftliches Anbauprodukt werden so viele Pflanzengifte eingesetzt wie bei der Baumwolle.

4. Für die Herstellung eines einzigen T-Shirts (Reinigung, Färbung etc.) verbrauchen Hersteller durchschnittlich 2.700 Liter Wasser, es können aber auch bis zu 15.000 Liter sein (zum Vergleich: eine Badewanne fasst 140 Liter; für ein Kilo Rindfleisch werden circa 16.000 Liter Wasser benötigt).

5. In den USA gibt es noch rund 25.000 Baumwoll-Farmer. Sie konkurrieren mit etwa 18 Millionen Baumwollfarmen in Afrika, Indien etc. und wurden mit etwa 25 Milliarden Dollar subventioniert - mit entsprechenden Auswirkungen auf die Weltmarktpreise.

6. Die Textilindustrie in Bangladesch produziert rund 20 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und 80 Prozent der gesamten Exporterlöse. Sprich: Boykottieren wir die Produkte aus diesem Land, bedroht man die Lebensgrundlage vieler Menschen. Die Produktion in Entwicklungsländern muss nicht abgeschafft sondern verbessert werden.

Statt dem allseits beliebten "Pelz-Shitstorm" wünsche ich mir mal einen so richtig fiesen Baumwoll-Shitstorm (siehe Punkt 3). Was machen wir nun? Mango und Primark boykottieren? (siehe Punkt 4). Nur noch "Made in Germany" kaufen? Das ist auch nicht die Lösung, wie Barbara bereits zum vergangenen Fashion Revolution Day aufgschlüsselt hat.

Fangen wir doch einfach mit dem Hashtag #whomademyclothes an:

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Photo Credit: Fashion revolution day, screenshot Doku 3 Sat

Modepilot
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